Arzthaftung: Arzt haftet auch für grobe Behandlungsfehler des Nachbehandlers

Das OLG Hamm hat sich in einem Urteil vom 15.11.2016 (Az I-26 U 27/14) mit der Frage befasst, unter welchen Voraussetzungen ein Arzt nicht nur für eigene Behandlungsfehler, sondern auch für Fehler des nachbehandelnden Arztes einstehen muss, wenn aufgrund der fehlerhaften Erstbehandlung eine Nachbehandlung erforderlich wird, die ihrerseits fehlerhaft erfolgt.

In dem zu entscheidenden Fall stand nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme zur Überzeugung des Gerichts fest, dass dem Erstbehandler ein einfacher Behandlungsfehler und dem nachbehandelnden Arzt ein grober Behandlungsfehler unterlaufen war.

Das OLG entschied, dass der Erstbehandler regelmäßig auch für diejenigen Folgen einstehen müsse, die einem Patienten durch eine grob fehlerhafte Anschlussbehandlung entstehen. In dem zu entscheidenden Fall wäre die Nachbehandlung in Form einer Revisionsoperation nicht erforderlich geworden, wenn der erste operative Eingriff lege artis durchgeführt worden wäre. Dementsprechend müsse der Erstbehandler auch die Folgen für die grob fehlerhafte Revisionsoperation mittragen. Eine Mitverantwortlichkeit des Erstbehandlers für Folgefehler entfalle nur bei einer Unterbrechung des Kausalzusammenhangs. Hierfür reiche ein grober Behandlungsfehler des Zweitbehandlers aber nicht aus. Erst bei einem gröblichsten Verstoß gegen die ärztliche Sorgfaltspflicht („besonders grober Behandlungsfehler“), hafte der Erstbehandler nicht mehr für die Folgen der fehlerhaften Nachbehandlung.

Die Ausnahmekonstellation eines „besonders groben Behandlungsfehlers“ konnte das OLG im zu entscheidenden Fall indes nicht feststellen. Der vom OLG erneut vernommene Sachverständige hatte insoweit angegeben, dass bei der Zweitbehandlung zwar ein schwerwiegender Fehler unterlaufen sei, der schlechterdings nicht nachvollziehbar sei. In seiner Klinik hätte ein solch grober Fehler auch zu einer mündlichen Abmahnung durch den Chefarzt geführt. Eine Kündigung oder gar Folgen für die Approbation hätte der Fehler aber nicht nach sich gezogen. Diese Einschätzung des Sachverständigen veranlasste das OLG, den Behandlungsfehler des Zweitbehandlers letztlich nicht als „besonders groben Fehler“, sondern nur als „groben Fehler“ zu bewerten, mit der Folge, dass der Erstbehandler auch für die Folgen der missglückten Nachbehandlung mithaftet.

Das Urteil bestätigt die bisherige höchstrichterliche Rechtsprechung zur Frage der Zurechnung von Folgefehlern des Nachbehandlers. Die Entscheidung veranschaulicht, dass eine Unterbrechung des Zurechnungszusammenhangs für Behandlungsfehler des Zweitbehandlers die der Praxis die absolute Ausnahme bildet. Ein Behandlungsfehler, der zwar als „grob“ aber nicht als „besonders grob“ einzustufen ist, reicht für eine Haftungsentlastung des Erstbehandlers nicht aus. Das Risiko des Haftungsausmaßes für den erstbehandelnden Arzt, dem ein (einfacher) Behandlungsfehler unterlaufen ist, ist daher nicht zu unterschätzen.

Dr. Melanie Verstege